Bundespressekonferenz

Wir waren am 17. Oktober 2016  bei der Pressekonferenz von Open Doors sowohl als Partner als auch Zuhörende dabei.

Bei der Begrüßung durch Markus Rode erinnerte der Leiter von Open Doors an die Erhebung vom Mai dieses Jahres, bei der erstmalig eine systematische Erfassung religiös motivierte Übergriffe vorgestellt wurde, damals mit 231 dokumentierten Fällen.

Open Doors hat zusammen mit anderen Hilfsorganisationen damals von der „Spitze des Eisbergs“ gesprochen. Eines der Hauptbarrieren, Übergriffe anzugeben, ist die Angst der Flüchtlinge.

Christen, die als Minderheit in Asylunterkünften leben müssen, haben das große Risiko, das ab dem Moment, wo sie ihre Situation schildern, die Intensität und die Härte der Übergriffe auf sie zunimmt.

Viele Dokumentationen christlicher oder jesidischer Flüchtlinge zeigen, mit welch harten Konsequenzen jemand rechnen muss, der in einer Aufnahmeeinrichtung als Minderheit lebt und nicht der Mehrheitsreligion, in diesem Fall, dem Islam angehört.


 

Auch die anderen beteiligten Organisationen berichteten von religiös motivierten Übergriffen:

Schwester Rosemarie Götz von der Landeskirchlichen Gemeinschaft in Neukölln berichtete:

„Ein Erlebnis, dass ich so schnell nicht vergessen werde, hatte ich am Tempelhofer Flughafen, wo im Moment so etwa 2000 Flüchtlinge untergebracht sind. Es ist auch durch die Medien gegangen, von sechs Christen, die aus dem Heim rausgeflogen sind, während die 50 Angreifer im Heim bleiben durften. Die sechs Personen hatten keine Übernachtung, sie kamen zu mir und was mich dabei erschüttert hat: Als ich mit den beiden, die zu unserer Gemeinde gehören zum Sozialamt kam, um eine neue Unterkunft für sie zu haben, das heißt ich hatte eine Unterkunft und brauchte nur einen Zettel zur Kostenübernahme, da das ja für jedes Heim gesondert genehmigt werden muss, da habe ich erlebt, dass ich nicht vorgelassen wurde weil ich eine Frau bin. Ich habe auch die muslimische Security laut angesprochen, in welchem Land ich wohl lebe, dass ich deutscher Staatsbürger bin. Ich wurde dann verwiesen in ein „Zelt für Frauen“, habe ich nicht gemacht. Dieses zweierlei, dass ich nicht vergessen werde, dass ich als deutsche Frau verwiesen werde und nicht eingelassen werde von, in dem Fall waren es türkische Moslems, die als Wachpersonal eingesetzt waren. Und: Eines der Gewaltopfer musste in der U-Bahn schlafen. Grund: Als er in dem neu zugewiesenen Heim ankam, wurde er schon mit den Worten bedroht: „Du bist Christ, wir warten schon auf Dich!“ Aus Angst blieb er nicht und suchte sich einen Schlafplatz in der U-Bahn.“

 

Volker Baumann von der AVC betonte, dass sich die AVC (»Aktion für verfolgte Christen und Notleidende«) um alle Notleidenden kümmert. Rund 80% derer die Hilfe bekommen sind Muslime. Deshalb sei keiner der beteiligten Organisationen der Vorwurf zu machen, sie arbeite nur für Christen.

„ Ich bin weiterhin tief erschüttert über die verbreitete existentielle Angst der christlichen Flüchtlinge in Deutschland.“

 

Paulus Kurt vom Zentralrat der orientalischen Christen sagte:

“Diese Ereignisse sind nicht neu. Solche Erfahrungen haben wir seit Jahren beobachtet.“

 

„Wir haben in den Medien darüber berichtet, dass, was da passiert, mit dem Rechtsstaat gar nichts mehr zu tun hat.“

 

„Man kann und darf nicht einfach lange zuschauen und zusehen, dass die Menschen wegen ihres Glaubens weiterhin verfolgt, gemobbt und bedrängt werden.“

 

Weiterhin berichtete Herr Kurt über Konvertiten, die sich aus Verzweiflung das Leben nahmen.

 

Frank Seidler von der Europäischen Missionsgemeinschaft berichtete:

„Wir registrieren seit mehreren Jahren mehrstufige Bedrängnisse für religiöse Minderheiten. Der „Verfolgten“ – Begriff orientiert sich bei unserem Werk an der Genfer Konvention, ist also etwas weiter gefasst als bei den klassisch christlichen Werken, die sich speziell um die Verfolgung von Christen kümmern. Deswegen sind unsererseits auch in diese Erhebung die jesidischen Flüchtlinge eingeflossen. Es ließen sich allein aus diesem Bereich eine Vielzahl zusätzlicher Übergriffe sammeln, wenn etwas mehr Zeit gewesen wäre.“

 

„Wir registrieren sehr unterschiedliche Formen von Übergriffen. Die milderen, aber mit einer sehr hohen Asylrelevanz, passieren schon von Entscheidern und Übersetzern beim Bundesamt. Wir haben seit Jahren feststellen müssen, dass bei Christen und Konvertiten von den Übersetzern verweigert wird, „Christentum“ als Religion bei der Erstaufnahme einzutragen. So oft uns das bekannt geworden ist, haben wir das zur Anzeige gebracht. Diese Dinge gehen weiter bis zu den Anhörungen bei Gericht.

Wir sind deshalb dazu übergegangen anzuraten, bei Anhörungen auf den zusätzlichen muttersprachlichen Dolmetscher zu bestehen, der ihnen von Rechts wegen zusteht. Auch das muss man in vielen Fällen durchkämpfen.

 

Das geht weiter über Beschimpfungen, Beleidigungen, Ausgrenzungen durch Mitflüchtlinge, aber eben häufig auch durch das Wachpersonal. Was Schwester Rosemarie berichtet ist eine Tatsache, die auch wir schon mehrere Jahre festgestellt haben und versuchen dagegen anzugehen. Wenn ich sage Ausgrenzung, dann meint das zum Beispiel: die Verhinderung, dass christliche Flüchtlinge oder Konvertiten die Gemeinschaftsküche benutzen dürfen. Im Ramadan ist es eine besonders gefährliche Zeit, wo Übergriffe sich häufen.

 

Minderheiten haben nicht die Spur einer Chance, wenn sie nicht deutsche Begleitung haben, irgendwie einen gewissen Schutz und Hilfestellung zu kriegen. Ich muss leider feststellen, das ist ein ewig langes Prozedere. Es gibt kaum einen Regierungsbezirk an den wir nicht geschrieben haben und das mit erheblichen Druck verbinden mussten, bis sich endlich jemand bequemt, auch einem Umverteilungsantrag stattzugeben.

 

Das geht weiter zu Bedrohungen durch Mitflüchtlinge und ihre Netzwerke, das sind auch durchaus Leute, die hier in Deutschland längst gut etabliert sind, Verwandte oder Moschee-Gemeinschaften, die dann gemeinsam Druck ausüben. Und an dieser Stelle kommt noch ein Problem dazu, dass auch schon genannt worden ist: die Ignoranz der deutschen Behörden.

 

Das geht dann weiter bis zu körperlichen Übergriffen, Todesdrohungen, Angriffen, die traditionell oder klassisch, falls eine Anzeige erstattet wird, wird mit Gegenanzeigen pariert werden und dann, was wir gerade gehört haben, die Bedrohung von Angehörigen im Heimatland. Das ist ein besonders perfides Druckmittel. Das funktioniert, das führt zu dem Gefühl, dass Anzeigen nutzlos sind.”

 

Samira, eine orthodoxe Christin aus Syrien berichtete, dass sie in der Flüchtlingsunterkunft keinen Schlüssel hätte, um das von ihr und ihrer Tochter bewohnte Zimmer abzuschließen. Ein radikaler Muslim versuchte, als sie und weitere christliche Frauen im Duschraum waren, diese sexuell zu nötigen. Nur weil die Frauen zu dritt waren, konnte der Angriff abgewehrt werden. Samira hat Anzeige erstattet, aber es wurde ihr gesagt: Man könne da nichts machen, weil Aussage gegen Aussage stehe.

„Wir dachten, in einem christlichen Land wären wir sicher. Egal wohin wir kommen: kein Schutz. Auch beim Sozialamt wird uns gesagt: „Ihr habt ja alles, was wollt ihr noch?“

 

Hamid aus Afghanistan berichtet, dass er nach dem Tod seines Vaters aus Afghanistan fliehen musste. In Griechenland kam er zum christlichen Glauben und besuchte regelmäßig die Kirche. Einige Paschtunen lauerten ihm danach auf und schlugen ihn zusammen, sie fesselten ihn, traten ihm Zähne aus und versuchten ihn zu erhängen. Die Narben davon sind ihm geblieben.

Daraufhin floh er weiter nach Deutschland. Doch auch hier wurden Mitflüchtlinge aus Afghanistan übergriffig, schlugen ihn zusammen. Er bat die zuständige Behörde ihn NICHT mit Paschtunen unterzubringen doch als er in die nächste Unterkunft kam, war er als Christ allein unter ihnen und die Gewalt ging weiter. Einer der Paschtunen, der zurück nach Afghanistan geschickt wurde, hat dafür gesorgt, dass die Mutter und die Schwester von Hamid ins Gefängnis kamen weil er ja Christ geworden ist. Ein Kopfgeld wurde gefordert und Hamid musste  4500,- Euro bezahlen um seine Familie zu retten.

Markus Rode:

„Das Risiko für die Befragung war so groß, dass wir davon gesprochen haben, dass man eigentlich ein Zeugenschutzprogramm einführen muss, da es Morddrohungen gegeben hat, in einem erheblichen Umfang. Diese Morddrohungen bezogen sich nicht nur auf die Personen selbst, sondern auch auf Familienangehörige, die noch in den Herkunftsländern wie z. B. Afghanistan, Syrien und Irak sind. Man hat gesagt: „Wir werden sie vor Ort erreichen!“ und das hat auch tatsächlich stattgefunden.“

“Wir haben in Deutschland eine Situation, die dieses Landes nicht würdig ist”.

Hinzu kommt eine besorgniserregende Entwicklung:

“Wir erleben, dass Menschen abgeschoben werden in Herkunftsstaaten, aus denen sie geflohen sind, weil sie dort Folter erlebt oder in Gefängnissen gesessen haben, weil sie als Konvertiten vom Islam ein todeswürdiges Verbrechen begangen haben. Diese Menschen sind bereits in Kirchengemeinden aktiv, sind getauft, sie waren sogar vor TV-Kameras und werden abgeschoben in ein Land, wo die Todesstrafe auf dem Abfall vom Islam steht.

Da möchten wir hier dringend an die politischen Verantwortlichen appellieren, dieses nicht nur sofort einzustellen, sondern auch die Personen, die diese sogenannten „Glaubensprüfungen“ durchführen, dringendst zu schulen; dass sie wissen, was es heißt, jemanden, der als iranischer Christ z. B. mit einer Frage „getestet“ wird: „Wieviel Jahre war Luther tätig.“ Ganz abstruse Fragen kommen da, sie können das nicht sofort beantworten und dann heißt es: „Ok, das ist wahrscheinlich kein echter Christ.“ Das ist eine dramatische Situation, die dringend gestoppt werden muss!”

 

Was Markus Rode abschließend sagte, möchte ich mit eigenen Worten hinausschreien:

Den Opfern, die sonst keine Stimme haben, gilt es Gehör zu verschaffen. Das Unrecht, dass religiöse Minderheiten inzwischen auch in Deutschland erleiden müssen, muss als solches genannt werden.

Wer dieses Unrecht aus politischen oder anderen Gründen verschweigt, macht sich mitschuldig an den Leiden dieser traumatisierten Menschen, auch, weil dadurch die Täter ermutigt werden!

 

Hier nun ein kurzes Video der Pressekonferenz


Hier der komplette Beitrag von Open Doors-Leiter Markus Rode zum neuen Flüchtlingsbericht.


 


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